Bekloppte und Bescheuerte

Posted on Samstag 11 März 2006

Dietmar Wischmeyer in Berlin
Einer der drei größten lebenden Schriftsteller deutscher Zunge und Erfinder des nach ihm benannten Logbuchs (Vorläufer der Blogs) war in der Stadt und hat aus seinen Werken gelesen. Vier mal ausverkauftes Haus im Postbahnhof bei Dietmar Wischmeyer – wann hat es das zuletzt bei einer Bücherlesung gegeben?

Die aktuelle Vortragsreihe „Die Bekloppten und die Bescheuerten“ kommt fast ohne Anleihen beim Frühwerk des Autors aus. Jedoch fehlt der Halbschalehelm des kleinen Tierfreundes nicht gänzlich. Eine seiner schönsten Miniaturen gelangt zur umjubelten Aufführung: Die Spitzmaus mit dem zungenbrecherischen Namen Stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer entkommt auch diesmal nicht ihrer Mausefalle.

Besonders gut gelungen und immer besser wird Wischmeyers Willy Deutschmann. Nirgendwo liegt die rheinische Verlaufsform (… ich war grad am Bier am trinken …) so dicht am Platt des norddeutschen Flachlandes wie bei Wischmeyer.

Neuerdings versucht sich Wischmeyer auch am sächsischen Dialekt. Auch das gelingt ihm vorzüglich. Da wegen der EU-Erweiterung bald doppelt so viele Slowaken wie Sachsen deutsch sprechen werden, tut er schon heute alles, um diese Mundart nicht gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen.

Für diejenigen, die noch nie von Dietmar Wischmeyer gehört oder gelesen haben, hier eine kleine Probe:

Bier trinken
Manchmal, wenn ich eine Flasche Bier
trinke, denke ich an die vielen tausend Menschen
in der Dritten Welt, die sich keine Flasche Bier
leisten können. Aber wie sollten wir ihnen
helfen? Selbst wenn wir ihnen Bier schickten,
wie würde die Rückgabe der Pfandflaschen
geregelt? Oft müssen wir die Ungerechtigkeit
der Welt, ob wir wollen oder nicht, auf unseren
Schultern tragen.

Quelle: Dietmar Wischmeyer, Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten, S. 57, Ullstein Taschenbuchverlag, ISBN 3-548-36203-6

Erst nach drei Zugaben entkam Wischmeyer der Bühne. Zum Trost: Mehr hätte die Reichszugabenordnung von 1896 gar nicht erlaubt.

Dietmar Wischmeyer im Postbahnhof Berlin



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