
Tallinner Altstadt vom Kirchturm St. Olav
Tallinn, die estnische Hauptstadt, ist eine Lübecker Gründung von 1230, und das merkt man an allen Ecken und Enden. Auch wenn die Stadt seit der Eroberung durch Zar Peter den I. bis zum Abzug der russischen Truppen 1994 die meiste Zeit russisch regiert wurde. Kyrillische Buchstaben findet man heute nur noch selten. Die große russische Bevölkerungsgruppe, in Estland 26%, in Tallinn sogar etwa 40% der Bevölkerung, fühlt sich als Verlierer der Geschichte, und so kommt es, dass es in Estland brodelt.
Ein kleiner Anlass wie die Demontage eines russischen Kriegerdenkmals in der vergangenen Woche genügte, um Unruhen auszulösen, bei denen in der Tallinner Innenstadt besonders die Fensterscheiben gutgehender estnischer Geschäfte zu Bruch gingen. Noch zwei Tage nach diesen Unruhen war die Stadt voller Polizei und eine seltsame, bedrückende Stimmung zu spüren. Die Glaserinnung hatte viel zu tun. In den Geschäften war der Verkauf von Alkohol bis zum 3. Mai verboten worden, lediglich in den Gaststätten konnte man Vana Tallinn, den einheimischen hochprozentigen Kräuterschnaps bekommen.
Nicht nur die Altstadt der alten Hansestadt mit ihren vielen Kirchen und Bürgerhäusern ist sehenswert. Auch in der nahen Umgebung gibt es interessante Plätze. Zu empfehlen ist das Sommerschloss Katharinental von 1718, in das Peter der I. seine Gemahlin abschob, wenn er mal wieder als Zimmermann in Holland ein paar Gulden dazuverdienen mußte oder auch nur in Petersburg seine Ruhe haben wollte. Wir waren an einem Montag da und auch ganz allein, da geschlossen.

Sommerschloss Kadriorg im Osten Tallinns
Ebenso verschlossen blieb uns das ganz in der Nähe befindliche KuMu. Dies ist die estnische Abkürzung für Kunstmuseum. Hier sucht offenbar eine wiedergeborene Nation ihre künstlerische Identität im Gigantismus, nicht ganz gelungen. Montags und dienstags lohnt der Weg schon garnicht, weil man nur die Außenanlagen besichtigen kann. Ich wette allerdings um einen Eimer Saku (so heißt hier das Bier), dass dieses Museum bald als Kulisse für James Bond erntdeckt wird.

Das KuMu in Tallinn – Gigantismus in Sichtbeton. Der Betonklotz im Vordergrund rollt auf acht Rädern